Feen 2: Owithir kehrt zurück in den Tempel

Mittwoch, 29. Oktober 2014, 22:03
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Owithir graute davor, in den Tempel zurückzukehren. Nach all der Zeit, nach der langen Jagd, war aus der Gefangennahme eine vollkommene Katastrophe geworden. Laftin und Kalig trugen Tafgen, während er, Reigerin und die anderen Wächter hinter ihnen her stapften. Reig versuchte ihn zu stützen, und manchmal hielt er sich an ihrer Hand fest, wenn der Schmerz in seiner verstümmelten Rechten erneut aufflammte, ansonsten versuchte er jedoch aufrecht und vor allem allein zu gehen.

Er machte sich Sorgen um Tafgen, den der Angriff des Hexers weit durch die Gegend geschleudert hatte. Seitdem hatte der Wächter noch nicht das Bewusstsein zurückerlangt.

Wie hatte es dazu kommen können? Warum hatte er sich so überrumpeln lassen? Er wusste, dass seine Männer dem Hexer die Schuld gaben. Dass er sie getäuscht hatte, um an Owithir heranzukommen. Er selbst hatte es ebenfalls für einen Moment geglaubt. Inzwischen war er sich jedoch nicht mehr sicher. Der Mann hatte erst zu seinem Messer gegriffen, als Tafgen es erwähnt hatte. Er hatte es den Kampf über nicht einmal berührt und am Ende sogar versucht, die Hexe umzustimmen. Gewiss, die Frau hatte mehrere Wachen getötet, aber erst nachdem auf sie geschossen worden war. Owithir konnte nicht einmal mehr sagen, wer nun den Kampf begonnen hatte. Hatte Tafgen zuerst geschossen, oder war der Angriff von dem Hexer ausgegangen. Er glaubte, dass es ersteres gewesen war, aber es war alles so schnell gegangen, so unglaublich schnell.

Als wahrer Gläubiger, als Priester, der die Hexer wochenlang verfolgt hatte, hätte er sie, wenn schon nicht hassen, dann doch wenigstens verdammen sollen. Aber was hatten die beiden die ganze Zeit über getan, was er an ihrer Stelle nicht ebenso gemacht hätte? Sie hatten sich verteidigt. Sie hatten gestohlen, weil ihnen keine andere Wahl blieb. Wer war für das Leid, dass sie verursacht hatten, verantwortlich? Sie selbst, weil sie nicht sterben wollten, oder ihre Verfolger, die ihnen keine andere Wahl ließen?

War er zu sanft? War er zu gutmütig? War sein Glaube nicht stark genug? Folgte er überhaupt noch den Pfaden, die die Oberen seines Ordens für die Gläubigen vorgegeben hatten? Und, in diesem Moment vielleicht noch wichtiger, folgte er noch den Geboten, die ihn in den Augen der Priester von Sonne und Schwert zu einem wahren Gläubigen machten? Vermutlich nicht, denn er hatte niemals einen anderen Priester Partei für Dämonenbeschwörer und Hexer ergreifen hören. Selbst die größten Kirchenphilosophen ließen keinen Zweifel an der Verderbtheit der Herzen jedes Lebewesens, welches diese höllischen Praktiken ausübte.

Tief in Gedanken durchschritt er die Pforte des Tempels. Der Abt erwartete sie bereits und wies ihnen den Weg zur Krankenstube, wo sie schon einen der anderen Wächter vorfanden. Owithir hätte den Weg ohne Weisung gefunden, war jedoch dankbar, dass er nur den anderen zu folgen brauchte.

Sobald sie den Raum betraten, kam einer der diensttuenden Heiler auf Owithir zu, der jedoch abwinkte und ihn auf Tafgen verwies. Nur widerstrebend kümmerte sich der Mann zuerst um den Wächter. Zwei der unverletzten Waffenträger aus der anderen Gruppe standen bei ihrem verwundeten Freund und musterten Owithir mit versteinerten Gesichtern. Er konnte ihre Feindseligkeit spüren, verdrängte sie jedoch aus seinem Bewusstsein, was ihm leicht fiel, da die Schmerzen immer wieder seine ganze Welt auszufüllen schienen. Deswegen bemerkte er nicht, wie Marinam den einen der beiden ansprach.

Marinam kannte den Mann seit Jahren und hatten verschiedentlich gemeinsam mit ihm gedient. Auch er hatte gesehen, auf welche Weise sein Priester gemustert worden war und wandte sich flüsternd an seinen Freund.

„Garevak, ein Wort.“ Der Angesprochene beugte sich misstrauisch Marinam entgegen.

„Ich hab gesehen, wie du Hochehrwürden Owithir angesehen hast.“

„Und?“

„Wenn du tatsächlich so dumm bist, ihm die Schuld für den Markt zu geben, dann bist du ein noch größerer Chuorschnüffler, als der Priester, der euch geführt hat.“

Plötzlich standen sich die beiden so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Garevak presste sich Marinam entgegen, man konnte jedoch spüren, dass er nur halbherzig seinen eigenen Anführer verteidigte.

„Es war seine Aufgabe. Er hatte die Führung und ihr habt euch von den Hexern einseifen lassen.“

„Und ihr habt in die Menge geschossen.“

„Wir haben auf die Hexer geschossen. Trifft halt nicht jeder.“

„Trift halt nicht jeder? Ihr habt gar nicht getroffen und der Befehl war, soweit ich mich erinnere, vorsichtig vorzugehen. Hättet ihr nicht so blind unschuldige getötet, hätte Hochehrwürden Owithir vielleicht die Gabe verwenden können, die ihn die Götter gegeben haben.“

„Was redest du für einen Kot? Ihr wart außer Gefecht und euer Priester hat’s die Hand verbrannt.“

„Er ist ein heiliger Mann. Nur durch seine Gabe haben wir die Hexer bis hierher verfolgen können. Er hat alleine eine Hexe getötet und den anderen beiden widerstanden und sie zur Flucht gezwungen. Er hätte sie besiegen können, wenn ihr nicht so einen Gesmist angerichtet hättet.“

„Du, Marinam, verteidigst einen Pfaffen? Seit wann bist du auf ihrer Seite?“

„Ich bin nicht auf ihrer Seite. Aber Hochehrwürden ist anders. Er ist Aufrecht. Er bezahlt.“

Garevak lachte leise aber herzlich, bis er sah, dass diese simple Feststellung seines Gegenübers für diesen tatsächlich eine tiefere Bedeutung besaß. „Und weil er bezahlt ist er besser? Bist du jetzt plötzlich Wirt oder Händler?“

„Verstehst du nicht? Er nutzt die Bauern nicht aus. Hat mich zuerst auch nicht interessiert, bis ich begriffen habe, dass er auch uns nicht ausnutzt. Er behandelt alle mit Respekt und Freundlichkeit.“ Erneut wollte Garevak lachen, denn Freundlichkeit war keine Verhaltensweise, die er besonders beachtenswert fand. Eher betrachtete er sie als Schwäche. Marinam, der dieses Denken nur zu gut von sich selbst kannte, setzte seine Rede fort: „Du weißt wohl nicht, was Hochehrwürden hier im Tempel Jahre lang gemacht hat, oder?“ Dabei deutete er mit dem Kopf nach unten. Als er in Garevaks Augen nur mühsames Verstehen erkennen konnte, fügte er hinzu: „Er hat mehr Befragungen in den Kellern miterlebt und ausgeführt, als wir alle zusammen. Es heißt, er allein hätte mehr Geständnisse aus Hexern herausgeholt, als alle Priester vor ihm zusammen. Und er ist trotzdem freundlich zu uns. Und gerecht.“

Jetzt änderte sich Garevaks Gesichtsausdruck und man konnte sehen, dass ein neuer Respekt vor Owithir in ihm wuchs, entstanden auch aus der Angst, den die meisten Menschen berechtigter Weise vor den Inquisitoren Veshtajoshs empfanden. Dennoch wagte er einen letzten Verteidigungsversuch: „Trotzdem sind Freunde von mir da draußen ermordet worden.“

„Was nicht passiert wäre, wenn euer Priester nicht verrückt gespielt hätte.“ Marinam sah dem Kommilitonen hart in die Augen. Dann entspannte er sich plötzlich.

„Er ist der beste Pfaffe, unter dem ich je gedient habe. Weißt du noch Menbryk? Da haben wir uns gewundert, warum die Inquisitoren alles noch schlimmer gemacht haben. Hochehrwürden Owithir wäre das nicht passiert. Glaub mir, mehr wie er, und unser Leben wäre einfacher.“

Garevak war ein einfacher Waffenträger, durch den Dienst bei dem einen oder anderen Priesters an einiges gewöhnt worden. Wenn man wie er jedoch mehr als nur einmal dem Tod ins Auge gesehen hatte, weil die Menschen, die man angeblich schützte, stattdessen die Hexer unterstützten, die man für sie jagte, dann kam auch ein einfacher Waffenträger ins Grübeln. Deswegen nickte er Marinam zu und hing neuen Gedanken nach. Ein weiterer Same, der wachsen und Früchte tragen würde.

 

Owithir hatte inzwischen einen schmerzstillenden Trunk eingeflößt bekommen, der nicht nur die Agonie abschwächte, sondern auch seine Sinne benebelte, so dass er nicht bemerkte, wie Reigerin die gesamte Zeit neben ihm sitzen blieb. Auch den Wechsel seiner Wächter an seiner Seite bekam er nicht mit, oder dass die Liege des fremden Wächters verwaiste. Nur einmal riss ihn ein neuer Schmerz aus seinem Dämmerzustand, ließ ihn aber sofort in eine Bewusstlosigkeit fallen, aus der er erst viel später wieder erwachte, als jemand an seinem Arm zog.

Er machte seine Augen nicht sofort auf, sah aber trotzdem, was um ihn herum geschah. Reig stand etwas abseits und streckte sich gerade, Laftin, der raue Kerl mit seinen vielen Narben, blickte besorgt auf ihn herab. Auch Tafgen, auf einer benachbarten Liege, stützte sich auf und betrachtete das, was der Mönch an Owithirs Unterarm tat.

Auch er richtete jetzt seine Aufmerksamkeit dorthin, wo einmal seine Hand gewesen war. Es überraschte ihn, dass er in diesem Moment nicht mehr empfand als eine leise Trauer. Der Stumpf schmerzte, aber der Balsam auf der Naht und die Droge, die immer noch in seinem Blut schwamm, ließen es ihn kaum bemerkten.

Er öffnete die Augen und blickte in das mitleidige Gesicht des Mönchs.

„Hochehrwürden. Ihr seid wach. Wie gut. Wir hatten uns Sorgen um euch gemacht.“

Owithir drehte vorsichtig den benommenen Kopf, so dass er den Verband um seinen Stumpf mit seinen Augen sehen konnte. Reigerin erschien auf der anderen Seite, mit Tränen in den Augen.

„Warum weinst du, Reig?“ lallte er.

„Eure Hand, Wohlehrwürden. Es ist so furchtbar.“

„Es ist nur eine Hand. Ich habe noch eine zweite. Sei nicht traurig. Du hast mir das Leben gerettet, auch wenn du mir nicht gehorcht hast.“

„Hochehrwürdiger Herr, bitte verzeiht ihr. Sie meinte es nur gut.“ Laftins Stimme klang fast flehend.

„Ich weiß, Laftin.“ Er versuchte zu nicken, aber bereits im Ansatz drehte sich die Welt um ihn herum. „Tafgen, du bist wohlauf?“

„Noch nicht, Hochehrwürdiger Herr, aber in zwei Tagen wollen sie mich hier raus haben.“

Owithir drehte vorsichtig seinen Kopf zu dem Mann, rang sich ein verkrampftes Lächeln ab und übergab sich wieder dem Rausch.



Feen 2: Enk evaluiert

Montag, 20. Oktober 2014, 21:23
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Sheka war in Imanahm! Sie hatte es bis hierher geschafft. Es schien unwirklich, dass sie sich beide in dieser Stadt befanden, ohne dass er sich ihr zeigen konnte. Andere hätten sie vielleicht nicht wiedererkannt, zumal über die Entfernung und zwischen den Marktständen. Ihn hätte jedoch keine Verkleidung jemals täuschen können. Ihre Bewegungen waren ihm zu vertraut. Wie sie ihren Kopf hoch hielt, ihre Schultern nach hinten schob, die Hände hob, wenn sie nach etwas griff. Sein Herzschlag hatte ausgesetzt. Er hatte nicht anders gekonnt, als sie im Auge zu behalten. Er musste verhindern, ihr zu begegnen, und dazu musste er wissen, wo sie und seine Kinder untergekommen waren. Der Teil seines Verstands, der immer über seine Gedanken und seine Handlungen wachte, hatte ihn einen Lügner gescholten, denn natürlich wollte er es auch aus dem schädlichsten aller Gründe wissen.

Auf die Entfernung konnte er jedoch nicht erkennen, wie es ihr ging und sein Interesse an ihr hatte ihn lange genug abgelenkt, dass er die Priester und ihre Wächter erst bemerkt hatte, als sie bereits damit begonnen hatten, auf dem Markt auszuschwärmen. Zwei Priester und fünfundzwanzig Wächter, ungleich verteilt jedoch. Unruhig hatte er ihr Vorgehen beobachtet. Der eine Priester, selbstzufrieden, arrogant und forsch, hatte seine große Gruppe rücksichtslos durch die Gassen geführt, während der andere wesentlich besonnener um die Stände herumgegangen war und seinen Männern kaum Befehle hatte erteilen brauchen. Dann waren auch diese in den Markt vorgedrungen und Enk hatte begonnen, sich ernsthaft Sorgen um seine Frau zu machen. Natürlich konnte es sich bei einem solchen Vorgehen nur um eine Jagd auf Verbrecher oder Häretiker handeln – in den Augen der Tempel ein und dasselbe. War Sheka durch irgendetwas aufgefallen, weil sie fremd war oder etwas Ungebührliches gesagt hatte, oder ging es um jemand anderen? Gleichgültig, was es war, sie konnte leicht in die Schusslinie der Armbrüste geraten können.

Was dann geschah ließ ihn die Zähne zusammenbeißen und nach seinen Waffen greifen, auch wenn er wusste, dass er von seiner Position aus nichts für seine Frau hätte tun können, selbst dann nicht, wenn er in Kauf genommen hätte, entdeckt zu werden.

Dann hatten sich die Ereignisse überschlagen und wäre er jemand gewesen, der an dem Zeugnis seiner Augen zweifelte, er hätte nicht geglaubt, was er dort gesehen hatte.

Erst ein einziges Mal hatte er einen Magier im Kampf erlebt, auch wenn er schon einige mehr getroffen und sogar kennengelernt hatte. Der Kampf zwischen Magiern war etwas neues für ihn, vor allem, wenn man berücksichtigte, dass der eine Magier ein Priester war. Er hatte jedoch nicht viel von ihrem Kampf sehen können, denn er hatte versucht, seine Frau in dem Gedränge auszumachen. Als die ersten Bolzen geflogen waren, wäre er vor Sorge fast gestorben. Hätte er nicht bald darauf seine Gattin den Marktplatz verlassen sehen, mit dem Körper einer fremden Frau auf den Armen, er wäre hinuntergegangen und hätte vollkommen kostenlos jeden einzelnen der Wächter, ihren Anführer und vermutlich jeden anderen Priester, der ihm über den Weg gelaufen wäre, umgebracht, oder wäre bei dem Versuch gestorben.

Irrational. Und hinderlich für seinen Auftrag. Denn diese Ablenkung hatte dazu geführt, dass er nicht mitbekommen hatte, wie Estron und der eine Mensch, mit dem er unterwegs gewesen war, am Rande des Marktes erschienen waren. Erst die eine heftige Bewegung, von der er nur noch das Ende bemerkte, lenkte seine Aufmerksamkeit wieder von Sheka ab. Das wenige, das er gesehen hatte, ließ ihn darauf schließen, dass auch dort Magie gewirkt worden war und dass entweder Estron oder sein Freund sowie die Magierin, die mit den Wächtern gekämpft hatte, daran beteiligt gewesen waren. Als auch der junge Magier zu der Gruppe gestoßen war, hatten sie den Markt verlassen und waren in einer Gasse verschwunden.

Enk hatte noch einmal einen Blick in die Richtung geworfen, in die Sheka verschwunden war, dann war er vom Dach heruntergeglitten, um näher an Estron heranzugelangen.

Seitdem schlich er durch Imanahm und war sich nicht sicher, ob er seine Frau, oder seinen alten Reisegefährten suchte. Am Markt hatte er noch für einen Augenblick Estrons Spur aufnehmen können, doch durch irgendeinen Trick waren sie ihm, dem Gach-Ensh, dem besten gedungenen Mörder dieser Generation, in den Gassen entwischt. Die Richtung, in die sie verschwunden waren, führte zu einem der besseren Stadtteile Imanahms, aber auch durch ihn hindurch zu einigen weniger guten Vierteln. Da sie ihn jedoch abgehängt hatten, war diese Richtung so gut wie jede andere, zumal sie anfangs keine Haken geschlagen hatten. Außerdem hatten sie frische Kleidung getragen und sahen sauberer aus, als die meisten Menschen, denen Enk für gewöhnlich begegnete, was ebenfalls für eine vornehme Unterkunft sprach.

Er würde weitere Erkundigungen einholen, auf der Lauer liegen müssen. Sein Instinkt sagte ihm jedoch, dass er auf der richtigen Spur war.

 



Feen 2: Meineke kehrt vom Markt zurück

Samstag, 4. Oktober 2014, 12:34
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Es hatte nur ein kurzer abendlicher Einkauf werden sollen. Die Hausdame hatte Rimma das Geld gegeben und ihnen das Benötigte von einem Zettel vorgelesen, zwei Mal, damit sie es sich auch merkten. Sheka hatte es für besser gehalten, ihr zu verschweigen, dass sie lesen konnte, ein Teil des einfachen, armen Gewandes, in das sie ihren Verstand kleidete, so wie sie jetzt einen alten Lumpen trug und ihre Haare nur noch selten wusch.

Sie hatte sich nicht verstellt oder gelogen, als sie sich in dem Haus Verigai vorgestellt hatte, sie hatte nur nicht so viel gesagt, wie noch an den Tagen zuvor. Die anderen Angestellten hielten sie für schweigsam und ein wenig langsam, aber das war Sheka, die sie nur als Mei-neke kannten, gleichgültig. Denn die Anstellung bedeutete, dass sie mit ihren Kindern in einer kleinen Kammer wohnen durfte. Ihr Bett war winzig und die Arbeit aufreibend, aber ihre Kinder waren versorgt, und das war, worauf es ankam.

Rimma war ein freundliches Mädchen. Sie arbeitete länger in diesem Haus, als sie sich erinnern konnte und schien Mei-neke ins Herz geschlossen zu haben, denn sie hatte ihr bereits am ersten Abend alles über sich erzählt, was ihr eingefallen war. Mei-neke fürchtete, dass das leider nicht besonders viel war, denn so freundlich sie auch war, ein bisschen dumm schien sie ebenfalls zu sein.

Aber jetzt lag sie mit einem Bolzen in der Schulter auf dem Boden der Küche und ihr Blut klebte an Mei-nekes Händen, ihrem Kinn, bedeckte ihr Kleid und ihre Schuhe.

Der Rückweg erschien Mei-neke immer noch unwirklich. Sie hatte Rimma auf den Armen getragen. Sie war gerannt, so gut es ging, aber selbst wenn das Mädchen schmächtig war und sie selbst starke Arme von der Arbeit auf dem Hof hatte, so war sie doch keine Kriegerin mehr, die täglich mit dem Schwert übte. Als sie den Dienstboteneingang des Hauses erreicht hatte, hatte sie mit dem Fuß dagegen getreten. Die Hausdame war sofort erschienen, hatte die Tür mit einigen unfreundlichen Worten über ihre Verspätung aufgerissen, und war verstummt, sobald sie das Elend vor der Tür gesehen hatte. Ohne ein Wort hatte Mei-neke sich an ihr vorbeigedrückt und war in die Küche gerannt, der Proteste nicht achtend, die die Hausdame sofort wieder hervorbrachte.

Als Prinzessin eines kriegerischen Volkes kannte sie sich mit den Wunden aus, die die verschiedensten Waffen rissen. Armbrüste wurden hoch im Norden nicht verwendet, ein Bolzen war jedoch einem Pfeil nicht allzu unähnlich. Sie hatte schon öfter Männer versorgt, die halbtot von den Streitigkeiten zwischen den Clans zurückgekehrt war. Einige wichtige Lektionen hatte sie jedoch von ihrem Mann gelernt, dessen Narben davon zeugten, dass bei seiner Arbeit nicht immer alles seinen Plänen entsprechend verlief.

Die Köchin stand mit den Händen vor dem Mund über der liegenden Rimma, sagte aber kein Wort. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzulaufen. Mei-neke suchte sich die Werkzeuge zusammen, die sie benötigen würde: Ein kleines, scharfes Messe, ein paar Küchentücher, eine Schale mit Wasser, dass die Bewohner des Hauses als frisch bezeichneten, weil sie noch nichts hineingetan hatten, einen Kochlöffel und eine Flasche des Brandweins, der für einige Speisen verwendet wurde. Die Hausdame sah ihr dabei mit großen Augen zu, bis sie den Wein nahm. Sie versuchte zu protestieren, wich aber vor den wilden Augen der neuen Dienstmagd zurück, die nicht wissen konnte, wie furchterregend ihr bleiches, blutverschmiertes Gesicht aussah.

Mei-neke legte den Löffel in Rimmas Mund, die sofort zubiss. Dann nahm sie das Messer, tränkte einen der Lappen mit Wein, wischte das Messer ab und begann, die Wunde zu vergrößern. Rimma, die von den Schmerzen auf dem Weg immer wieder in Ohnmacht gefallen war, wimmerte und bäumte sich auf.

„Halt sie fest!“ befahl Mei-neke der Köchin und der Ton in ihrer Stimme duldete keinen Widerspruch. Sie selbst fixierte einen Arm mit den Knien, während die ältere Frau den anderen Arm und den Oberkörper übernahm. Ungebeten aber nicht unerwünscht kniete sich auch die Hausdame nieder und hielt die Beine fest.

Mei-neke arbeitete schnell. Wenn man die ersten Krieger unter den eigenen, langsamen Schnitten hatte schreien hören, lernte man, sich zu beeilen. Sie hatte befürchtet, dass sie den Bolzen wie einen Kriegspfeil mit Widerhaken durch die Schulter hätte drücken müssen, um ihn überhaupt herauszubekommen. Die Spitze saß jedoch fest genug am Schaft, nicht tief und besaß vor allem keine Widerhaken, so dass sie ihn, nachdem die Wunde etwas größer war, herausziehen konnte. Sie goss etwas von dem Wein in die Wunde, wie Enk es ihr gezeigt hatte, und hoffte, dass das Getränk stark genug war, die Wunde zu säubern.

Rimma bäumte sich diesmal nur kurz auf und fiel wieder in Ohnmacht. Mei-neke verlangte jetzt nach Nadel und Faden, die die Hausdame immer in ihre Tasche bei sich trug. Beides zog sie durch den Wein, den sie dafür in die Schale schüttete.

Als sie mit dem Nähen begann, wandte sich die Köchin ab und übergab sich geräuschvoll.

 

Die Ereignisse in der Küche sprachen sich schnell im Haus herum. Spätestens nachdem der Hausdiener Rimma ins Bett getragen hatte, begannen die anderen Angestellten untereinander zu flüstern. Mei-neke hatte noch lange erschöpft auf dem Küchenboden gesessen, während ein anderes Mädchen begann, den Boden um sie herum zu wischen. Sie erhob sich erst, als die Hausdame ihr die Hand reichte und sie auf einen Hocker zog. Mit einem freundlichen Lächeln reichte sie ihr einen Becher mit dem Rest des Brandweins und ließ anschließend die Flasche auf den Boden fallen. Als das Mädchen aufschaute, hielt sie nur mit strenger Miene den Zeigefinger vor den Mund und setzte sich neben die neuste Angestellte.

„Was ist geschehen?“

Mei-neke zögerte, zu benommen von dem Erlebten. Mit etwas Ehrfurcht in der Stimme stellte die Hausdame darum eine weitere Frage.

„Woher wusstest du, was du da machen musstest? Bist du eine Heilerin?“

„Sie haben einfach auf alle geschossen.“ Mit diesen Worten brach der Damm, der eben noch ihre Gefühle zurückgehalten hatte und sie begann hemmungslos zu weinen. Sie hatte zu kämpfen gelernt und sie hatte die Verwundeten gesehen, aber sie hatte nie selbst an einem Kampf teilnehmen müssen. Die Hausdame streichelte sie vorsichtig, gleichsam bemüht, Trost zu spenden und nicht mit dem Blut in Kontakt zu kommen.

Schließlich erzählte Mei-neke, was sie auf dem Markt erlebt hatten. Wie die Priester plötzlich erschienen waren und alle vor sich her getrieben hatten. Wie sie erst nur langsam zurückgewichen waren, bis auf einmal alle von einer unerklärlichen Angst erfüllt gewesen waren. Wie Rimma neben ihr gestürzt war. Wie sie sie aufgehoben hatte und mit ihr weitergerannt war.

Die Hausdame wartete noch eine ganze Weile, nachdem Mei-neke geendet hatte. Eigentlich hatten sie keine Zeit, um hier zu sitzen und zu plaudern. Die ältere Frau hatte jedoch etwas in der neuen Aushilfe entdeckt, dass nicht zu ihrer vorgeblich bescheidenen und tumben Art passte, die sie bisher zur Schau gestellt hatte. Hatte sie sich bisher nur ein wenig zu Aufrecht für eine Magd gehalten, zeigte ihre Kenntnis der Wundbehandlung und der Ton, in dem sie von ihrer Vorgesetzte Nadel und Faden gefordert hatte, dass mehr hinter der grauen Fassade steckte. Dass sie nicht aus dieser Gegend stammte, zeigte schon ihr Dialekt, obwohl die Hausdame nicht hätte sagen können, wo man so sprach wie Mei-neke. Ihre Kinder besaßen einige ihrer Redewendungen, ihr Dialekt war jedoch ein anderer. Was sie in ihrer Heimat jedoch gelernt haben mochte, konnte sie nicht erahnen. Sehr wahrscheinlich hatte sie einmal eine Position inne gehabt, in der sie anderen Befehle erteilen musste.

„Wer bist du wirklich Mei-neke?“

Die Frau sah sie mit von Tränen geschwollenen Augen an. Vorsichtig, aber nicht feindlich.

„Du bist keine Magd.“

„Ich bin es jetzt.“ Selbst diese Worte klangen Stolz.

„Ich bin nicht sicher, ob ich es gegen den Herrschaften verantworten kann, dich im Haus zu haben.“ Der Stolz verflog und machte der Furcht Platz.

„Bitte. Ich bin keine Diebin. Ich werde niemandem etwas tun. Das schwöre ich beim Blut meiner Ahnen.“

„Dann sag mir, wer du warst.“

„Nur eine einsame Mutter. Mein Mann ist nicht mehr, mein Haus ist niedergebrannt. Aber ich bin eine ehrliche Frau. Alle meine Kinder sind im Ehestand gezeugt. Alles, was ich besitze, habe ich ehrlich erworben.“ Mei-neke achtete sehr genau auf ihre Worte. Enk hatte ihr immer wieder eingeschärft, so wenig wie möglich zu lügen.

„Das hast du mir alles schon erzählt. Aber warum weißt du, wie man Wunden behandelt? Warum hast du den Brandwein verwendet? Was hast du früher getan?“

„Ich bin an einem Ort aufgewachsen, wo die Frauen daran gewöhnt sind, dass die Männer immer wieder in den Kampf ziehen und verwundet heimkehren. Mein Mann hat mir viel über die Heilkunst beigebracht. Er hat mir gezeigt, dass die gegorenen Getränke dabei helfen, die Wunden zu säubern und giftige Dämpfe und Ungeziefer vertreiben. Mein Mann war sehr klug und er hat mir viel beigebracht. Aber ich war nur eine Bäuerin.“

„Mhm, da fehlt immer noch etwas, aber ich werde dich noch hier behalten. Gib dir Mühe, Mei-neke.“ Sie stand auf und deutete der Magd, es ihr gleichzutun.

„Was ist mit Rimma?“

„Was?“

„Jemand muss sich um sie kümmern.“

„Du hast andere Aufgaben.“

„Ich meine auch nicht mich. Aber meine Jungs können bei ihr bleiben.“

Die Hausdame lächelte und Mei-neke wusste, dass sie ihr, nach allem, was sie gesagt hatte, trotzdem wohlgesonnen war. „Sie sollen aber leise sein.“



Feen 2: Ab durchs Tor

Montag, 29. September 2014, 21:15
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Das Stadttor stand noch offen. Aber die Wachen waren verstärkt worden. Jeder Wagen wurde untersucht, jede Tasche geöffnet und durchwühlt.

Aber vor allem blickten die Wächter in die Gesichter, als hätte man ihnen eine Beschreibung von jemandem gegeben, den es aufzuhalten galt. Die beiden trennten sich und marschierten einzeln auf das Tor zu, was sie von vornherein beabsichtigt hatten. Sie hatten sich auch Geschichten zu Recht gelegt, um ihren Besuch Imanahms und ihre Abreise erklären zu können. Beide nicht weit von der Wahrheit entfernt. Sie gaben die Arbeiten an, die sie angenommen hatten. Der eine oder andere Umstand hätte es notwendig gemacht, dass sie noch etwas für ihre Familien hatten beschaffen müssen, um über den Winter zu kommen. Nichts zu ungewöhnliches.

Auf diese Weise passierten sie nacheinander die Wachen, die Mauern und die Baracken der Vorstadt.

Als Pethen sich auf einer Anhöhe ein letztes Mal nach der Stadt umblickte, konnte er zum ersten Mal erkennen, was er die ganze Zeit unbewusst gefühlt hatte:

Verlust.

Leere.

Der Faden, die Verbindung zu ihrem Verfolger, war gekappt und er fehlte ihm.



Feen 2: Der Kampf auf dem Markt

Freitag, 26. September 2014, 17:35
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Er hatte Hylei gefunden. Sie hatten sich zugerufen und er hatte versucht, ihr die Bedrohung zu erklären. Spätestens, als sie die Kunden und Händler auf sich zukommen sah, begriff sie, dass sie fliehen mussten, auch wenn sie noch nicht wusste, warum.

Pethen hingegen wusste sehr genau, was geschah. Seine Sicht umfasste den gesamten Marktplatz und er sah die zwanzig Bewaffneten, die die Menge vor sich hertrieben. Vor ihnen hätten er und Hylei fliehen können. Aber diejenigen, die sich von der anderen Seite näherten … er wusste, wer sie waren, er kannte ihren Anführer. In diesem Augenblick wusste er, dass der Fremde mit seinem Faden recht gehabt hatte. Aber gleichgültig, ob er sich jetzt vorwarf, ihm nicht vertraut zu haben oder ob er sich schalt, dass sie bereits gestern hätten fliehen sollen, es war zu spät und jetzt würden sie nicht mehr entkommen können. Nicht ohne mehr Glück als sie bisher gehabt hatten oder einen Kampf.

Hylei und er versuchten auf einander zuzulaufen, aber inzwischen hatten die Menge sie erreicht und trieb sie auseinander. Gleichzeitig sah Pethen, wie der Priester ihm immer näher kam.

Sie konnten sich mit den anderen Menschen mitreißen lassen und versuchen mit ihnen zu einem der Ausgänge des Marktes zu gelangen, Sie hätten jedoch zu wenig Kontrolle über ihre Bewegung gehabt und er konnte beobachten, wie der Priester-Magier ihnen den Weg abzuschneiden begann.

Sie konnten vielleicht auch hoffen, dass sie in der Lage sein würden, schneller zu laufen als ihre Verfolger. Sie hatten ja inzwischen reichlich Übung darin. Wenn sie jedoch Pech hatten, und davon war auszugehen, dann würden sie die Tore nur noch geschlossen vorfinden. Und selbst wenn nicht, wären sie vor der Stadt ein leichtes Ziel gewesen. Er wünschte, sie wären so schnell, wie der Fremde.

Pethen konnte keinen Ausweg mehr sehen. Es würde zu einem Kampf kommen und sie würden sterben, oder Hylei würde mit ihrer ungehemmten Magie ein Massaker anrichten, nicht nur unter den Kriegern. Es gab keine andere Möglichkeit. Außer vielleicht einer.

Pethen drehte sich um und ging mit erhobenen Händen auf den Priester zu. Warum sollten sie beide sterben? Wenn er sich stellte, gewann er Hylei vielleicht genügend Zeit zu entkommen. Außerdem hatte der Fremde gesagt, dass der Faden zwischen ihm und seinem Verfolger gespannt war. Ohne diesen Faden hätte man sie vermutlich gar nicht mehr aufspüren können. Hylei wäre ohne auf der Flucht besser dran.

Eine stechende Scham durchzuckte den jungen Magier. Erneut war er für die Schwierigkeiten verantwortlich, in die sie geraten waren. Ohne ihn wäre Hylei nicht nur nicht von den Pilgern gefangen genommen worden, sie wäre auch den Priestern entkommen. Auch wenn diese Gedanken erst nach seinem Entschluss in ihm aufgestiegen waren, erleichterten sie sein Vorhaben und er ging fast befreit auf seine Verfolger zu. Er fühlte sich, als leiste er eine Wiedergutmachung gegenüber Hylei.

„Ich ergebe mich.“ Er brüllte es so laut er nur konnte. Die Wächter, die neben dem Priester gingen, richten ihre Armbrüste auf ihn.

„Bitte, ich ergebe mich.“ Der Priester näherte sich vorsichtig.

„Wo ist die Hexe?“ Pethen warf dem Mann einen fragenden Blick zu. „Deine Gefährtin?“

Pethen schluckte. „Ich ergebe mich, ohne Kampf.“ Er ließ sich auf die Knie fallen. „Lasst sie gehen. Sie ist ungefährlich. Sie war nur zufällig da.“ Selbst in seinen eigenen Ohren klangen diese Worte nicht überzeugend.

Owithir nahm die mit Silber beschichteten Metallfesseln aus dem Gürtelbeutel. Er war jetzt beinahe neben dem Dämonenbeschwörer, und einen Moment lang schien die Welt den Atem anzuhalten. Dann schrie Tafgen plötzlich hinter ihm: „Er hat ein Messer.“ Dies war der Moment, in dem alles schief zu laufen begann. Pethen machte den Fehler, mit der Hand zu zucken, weil ihm plötzlich bewusst wurde, dass sich das Messer durch seinen Kniefall unter seiner Jacke abzeichnete. Er hatte seinen Arm nicht einmal bis zu seinem Kopf heruntergenommen, als sich Tafgens Sehne löste. Der Bolzen schob sich langsam über den Lauf, verließ die Armbrust und glitt durch die Luft auf Pethen zu. Er war überrascht, dass er nicht starr vor Angst dort kniete, sondern dem Bolzen gelassen entgegenblickte. Es bedurfte nur eines Gedankens, und das Geschoss wurde von einer unsichtbaren Wand in die Erde gelenkt. Die Energie, die er ausgesandt hatte, folgte dem Weg des Angriffs zurück und schleuderte den Mann durch einen der Marktstände.

„Es ist nicht an dir, dich für mich zu opfern.“ Hyleis Stimme erklang hinter ihm. Als er sich ergeben hatte, hatte er seine volle Aufmerksamkeit dem Priester zugewandt, der jetzt entsetzt zuerst auf ihn, dann auf den Feenling blickte. Er konnte deutlich spüren, wie jener dachte, dass die Aufgabe nur vorgespielt gewesen war.

„Nein! Das habe ich nicht gewollt!“, doch seine Worte wurden von dem Rauschen zweier Wasserstrahlen übertönt, die die Bewaffneten neben dem Priester einige Schritte weit die Gänge hinunterspülten. Pethen hatte nicht gewusst, dass Hylei so gut geworden war, dass sie zwei Strahlen gleichzeitig erzeugen konnte, verschwendete jedoch keinen Gedanken mehr darauf, als der letzte verbliebene Wächter seine Waffe auf ihn richtete. Er hob die Hand und kümmerte sich nicht weiter um den Mann. Noch während der Bolzen an der unsichtbaren Wand abprallte und in einem Korb mit Äpfeln verschwand, blickte er sich nach Hylei um. Sie hatte sich an einer Kreuzung nicht weit von ihm entfernt positioniert und deutete immer noch mit beiden Händen auf die Stellen, wo eben noch ihre Feinde gestanden hatten. Pethen wollte sich erheben, aber in diesem Augenblick wurde der Schild zwischen ihm und seinen beiden Gegnern hinweggesprengt. Er wurde nach hinten geworfen. Aber selbst auf dem Rücken konnte er dem Priester widerstehen. Auch er hatte jetzt eine Hand gehoben und versuchte ihn wie beim letzten Mal mit einer Energiewand zu erdrücken. Pethen pressete mit seinen beiden Händen gegen die Wand und zwischen seinen Händen begann kleine, blaue Blitze zu zucken. Wenn es ihm gelang, sich zu konzentrieren, könnte er leicht Gegenwehr leisten, doch zu viel stürzte in diesem Augenblick auf ihn ein: Der Druck auf seine Arme, der Schmerz in seinem Hinterkopf, die Sicht, die ihm zeigte, wie der Armbrustschütze seine Waffe spannte, Hylei die Magie zu sich sog und der Anführer der Soldaten, die die Menge vor sich hergetrieben hatte, seinen Arm hob. Wie die Männer die Armbrüste anlegten.

Die Angst quoll aus ihm heraus und ließ seine beiden Gegner zurücktaumeln. Auch Hylei wurde von dem Gefühl getroffen, fiel zuerst auf die Knie und schließlich mit dem Gesicht auf die Erde. Sie hielt sich den Kopf, in dem verzweifelten Versuch, der Angst Herr zu werden.

Ähnlich ging es dem verbliebenen Krieger. Die Gruppe um den zweiten Priester jedoch bekam nur noch die Ausläufer der Angst zu spüren. Sie wurden nicht wie die anderen von ihr bezwungen, sondern reagierten jeder auf die ihm gegebene Art. Heigadan gab den Befehl zu schießen und die meisten folgten ihm.

Hylei, die ihr Ziel gewesen wäre, konnte in ihrer Panik noch die Bolzen über sich schießen spüren, als sie zu Boden ging. Sie hatte Glück. Nicht so fünf der rennenden Marktbesucher, die von Pethens Angst beflügelt blind durch die Gänge stürmten.

Nur Owithir schien nicht die Kontrolle über sich zu verlieren. Sein Angriff war für den Augenblick abgebrochen, er stand aber immer noch an der Stelle, von der aus er Hyleis Angriff beobachtet hatte. Fremde Angst war ihm nicht neu, zu oft hatte er sie in den Kellern des Tempels gespürt. Er hatte gelernt, ihr zu widerstehen. Die Heftigkeit hatte ihn trotzdem stocken lassen.

Auch Pethen hatte sich jetzt wieder im Griff, nachdem seine Angst hinausgeströmt war. Er konnte beobachten, wie die Armbrustschützen hastig und ungeschickt ihre Waffen nachluden. Die fünf anderen Krieger würden noch eine Weile außer Gefecht bleiben, einer von ihnen mochte sogar tödlich verwundet sein. In dem Priestermagier sah er jedoch bereits Magie fließen, zu seiner Überraschung nicht aus der Umgebung angezogen, sondern nur durch den Körper. Was immer er vorhaben mochte, Pethen kam ihm zuvor, indem er aufsprang und ihm eine Faust in den Bauch rammte.

Owithir krümmte sich zusammen. Wenn er mit allem gerechnet hätte, den körperlichen Angriff eines Magiers hatte er nicht erwartet. Nun war es an ihm auf die Knie zu gehen. Er sah dem Hexer nach, wie er zu der Frau lief, die seine Männer fortgespült hatte. Während er ihr auf half, schossen die Wächter aus dem Tempel erneut. Der Hexer machte sich nicht einmal die Mühe, in ihre Richtung zu blicken, dennoch erkannte Owithir, dass er gerade rechtzeitig eine Wand erschaffen hatte, die die Geschosse mühelos abfing. Allerdings beschränkte der Beschwörer seine Magie nur auf den kleinen Bereich vor sich und seine Buhle. Erneut fanden Geschosse lebende Ziele und beendeten das Leben unbeteiligter.

Der Diakon wollte seinem Amtskollegen zurufen, dass er seinen Männern Einhalt gebieten sollte, musste jedoch feststellen, dass jener seine Männer noch anfeuerte, ihre Salven zu beschleunigen. Er musste diesem Desaster ein Ende bereiten. Mit der Linken zog er sich an einem Stand hoch und streckte die Rechte aus, um die göttliche Energie gegen die Häretiker zu senden.

Der Hexer schrie die Frau an. Sie versteifte ihre Schultern und verwandelte sich in Owithirs göttlicher Sicht in eine Säule puren Lichts, so hell, dass sie ihn blendete. Dann schossen Flammenstrahlen von ihr fort und trafen zwei der Tempelwächter.

Mehr sah er jedoch nicht mehr von ihren ruchlosen Zaubern, denn sein eigener Angriff wurde geblockt, bevor er beginnen konnte. Zum zweiten Mal überrumpelte ihn der Hexer und warf ihn bis zu Marinam zurück, der immer noch gegen seine Angst kämpfte. So plötzlich wie der Angriff gekommen war, endete er jedoch auch wieder. Owithir entriss seinem Gefolgsmann die Armbrust und legte an.

 

Hylei zitterte immer noch am ganzen Körper. Sie hatte jedoch gelernt, Angst in Wut zu verwandeln und nutzte sie, um weitere Magie zu sammeln. Sieben ihrer Angreifer waren bereits tot oder von den Flammen schwer verwundet. Sie hatte noch nicht so viel Übung mit den Feuerzaubern, weswegen sie sie schneller erschöpften. Aber ihr ganzes Empfinden schrie nach den versengenden Bränden, die ihre Feinde so viel endgültiger besiegen würden, als die ihr vertrautere Wassermagie. Hätte ihr jemals jemand gesagt, dass Pethen und sie ein gutes Team im Kampf sein würden, sie hätte ihn vermutlich ignoriert und aus der Liste der vernünftigen Menschen gestrichen. Denn obwohl sie seinen Angstzauber hasste, wie sie nur wenig zuvor gehasst hatte, war die Kombination seiner Abwehr und ihrer Angriffe nahezu unschlagbar, solange sich niemand aus einer anderen Richtung näherte.

Sie hatte noch nicht genügend Magie gesammelt, um die nächsten drei Flammenpfeile zu verschießen, als sie aus dem Augenwinkel den Mann mit der Armbrust sah. Auch sie konnte sich an ihn erinnern. Sie vergaß nicht so leicht das Gesicht eines Mannes, der sie durch mehrere Hecken geschleudert hatte. Ihre Instinkte setzten ein und reflexartig schickte sie einen schwachen Flammenball auf den Priester zu.

 

Owithir würde die Feuerkugel noch in vielen Träumen auf sich zufliegen sehen. Der Schmerz in seiner Hand, als die Armbrust aus seinem Griff gesprengt wurde, verwandelte sich schnell in Agonie, als er ungläubig auf die schwarze, verkrümmte Kralle blickte, die eben noch die Waffe gehalten hatte. Unter schreien brach er zusammen.

 

Als ihr Anführer zu Boden ging, verließ die verbliebenen Angreifer der Mut und der zweite Diakon gab den Befehl zum Rückzug, eine Formulierung, die nur den gesprochenen Worten nach der Wahrheit entsprach, denn mit dem Befehl flohen die Wächter und ihr Befehlshaber zurück zum Tempel ohne irgendeine Ordnung einzuhalten. Sie ließen ihre Verwundeten und Toten zurück, in der Hoffnung, dass die Dämonenbeschwörer verschwinden würden oder andere Wächter ihrer in noch größerer Überzahl Herr werden könnten.

Pethen blickte noch auf ihre Rücken, als Hylei bereits auf den Priester zuschritt, um ihr Werk zu vollenden. Wären seine Gedanken nicht so sehr auf die Fliehenden gerichtet gewesen, er hätte vermutlich versucht, sie aufzuhalten. So bemerkte er ihr Vorhaben jedoch zu spät und sie stand bereits zwei Schritte von ihrem Verfolger entfernt. Er sah, wie sie erneut die Magie in sich sammelte.

Dann ließ sie sie wieder aus sich herausfließen, ohne ihr ein Ziel zu geben.

„Bitte, tun sie Wohlehrwürden nichts an.“

Pethen hörte die Worte noch bevor er ihren Urheber erkennen konnte. Nur langsam dehnte sich seine Wahrnehmung wieder in alle Richtungen aus, nachdem er sie so sehr auf die Feinde vor sich konzentriert hatte.

Ein junges Mädchen hockte hinter dem Priester und hielt seinen Kopf in ihren Händen. Mit großen, flehenden Augen blickte sie Hylei an.

„Geh weg. Ich will dir nicht wehtun.“

„Herrin. Bitte, warum müsst ihr denn so furchtbar böse Dinge tun?“

Hylei blickte sie verständnislos an. Was dachte dieser Balg? Dass sie diesen Priester nur aus Spaß verwundet hatte?

„Lass uns fliehen, Hylei. Wir müssen weg.“

„Wenn wir ihn nicht jetzt töten, Modonhirn, dann kommt er wieder hinter uns her.“

„Du hast Recht, aber er ist wie ich. Ich bin ganz sicher. Seine Magie macht genau dieselben Sachen wie meine.“

„Und was hat das damit zu tun?“

„Wahrscheinlich weiß er es nicht besser?“

„Seit wann ist das ein Grund, einen Feind nicht zu töten?“

Inzwischen hatte sich das Mädchen vor den Priester gestellt, der sie mit fiebrigen Augen betrachtete. Sie breitete theatralisch die Arme aus, als glaubte sie tatsächlich, auf diese Weise einer Magierin den Weg versperren zu können. Hyleis Augen schienen Feuer zu sprühen und Pethen konnte die Furcht in dem Mädchen sehen. Gleichzeitig zog seine Gefährtin bereits wieder Magie zu sich. Es wäre ihr ein Leichtes, beide auf einen Schlag umzubringen, oder auch das Lästige Hindernis aus dem Weg zu wischen und nur den Priester zu töten. Doch sie zögerte immer noch.

Pethen erschien neben ihr. Er wagt nicht, sie anzufassen, dennoch bemerkte sie ihn und konnte sich nicht entscheiden, ob es sie wütender machte oder beruhigte, ihn neben sich zu wissen. Dabei wandte sie nicht den Blick von dem Mädchen, das ihr mit einer Kraft trotzte, die über das Maß des Menschenmöglichen hinauszugehen schien.

„Lass uns fliehen, Hylei. Vielleicht können wir noch das Tor erreichen, bevor sie es schließen.“

Sie drehte sich um. Eine Träne der Wut rann ihre Wange herunter.

Pethen wollte ihr folgen, nahm sich aber die Zeit, noch ein paar letzte Worte an das Mädchen und den Priester zu richten.

„Wir haben das nicht gewollt. Wir haben uns doch nur verteidigt. Bitte, verfolgt uns nicht mehr. Wir haben euch doch nichts getan.“

Dann rannte er los, denn die Krieger, die durchnässt einige Stände weiter lagen, erhoben sich langsam. Er wünschte sich, er hätte mehr Zeit gehabt. Vielleicht hätte er den Priester dann überzeugen können, dass er so war wie er, ein Magier. Unter den gegebenen Umständen, wäre es jedoch Wahnsinn gewesen, es auch nur zu versuchen. Er hatte sie all die Wochen verfolgt und war jetzt zum zweiten Mal von ihnen besiegt worden. Die paar Worte, die Pethen noch hätte sagen können, bevor er in einen erneuten Kampf verwickelt worden wäre, würden ihn nicht umstimmen können.

 

Er holte Hylei erst am Ausgang des Marktes ein, wo sie zwei Männern gegenüberstand. Den einen von ihnen, einen hageren, zottigen Mann, kannte er nicht. Der andere war jener Fremde, der ihn gefunden hatte. Der Zottige hob beschwichtigend die Hände, als er Pethen auf sich zukommen sah, als hätte er geahnt, dass der junge Magier bereits die nächsten Zauber durch seinen Körper gleiten ließ. Wie sie es geschafft hatten, Hylei von einem Angriff abzuhalten, war ihm unbegreiflich. Denn nichts konnte jetzt so wichtig sein, dass sie noch länger hier verweilen durften.

„Schnell, wir haben nicht viel Zeit.“ Der Hagere winkte ihm. Noch als er die Entfernung überbrückte, drehten sich die Männer um und gingen mit den ausholenden Schritten geübter Wanderer zu einer Gasse, in der sie verschwanden. Hylei folgte ihnen bereitwillig. Sobald sie den Fremden in ihrem Weg gesehen hatte, hatte sie noch im Laufen einen weiteren Wasserstrahl geschleudert, der jedoch einfach verschwunden war, kurz bevor er sein Ziel erreicht hatte. Der Schock über das gesehene ließ ihre Füße am Boden festfrieren. Sie hätte nicht überraschter sein können, wenn der Strahl zu ihr zurückgekehrt wäre. So hatte sie dort gestanden, bis Pethen sie eingeholt hatte. Sobald sie hinter den Männern hergingen fiel er in Schritt mit ihr, wie er es auf der Flucht so oft getan hatte.

Sie brauchten den Männern nicht weit hinterher zu laufen. Bereits wenige Schritte in die Gasse hinein blieben sie stehen und wandten sich an die beiden Flüchtlinge.

„Wir helfen euch, aus der Stadt.“ Der Hagere blickte den beiden abwechselnd in die Augen. „Ihr kennt mich nicht, und meinem Freund vertraut ihr nicht, wie es aussieht.“ Er lächelte, als müsste er sich über einen kleinen, privaten Scherz amüsieren. „Trotzdem hoffen wir, dass ihr uns erlaubt, euch zu helfen.“

Pethen merkte erst jetzt, wie sehr ihn der Kampf ausgelaugt hatte. Wo eben noch Angst und auch eine Spur Wut gewesen waren, war jetzt nichts mehr. Hylei neben ihm schien jedoch immer noch in ihrem Zorn zu vibrieren.

„Lasst uns einfach gehen.“ Auch ihre Stimme verriet ihre wütende Ungeduld.

„Nicht bevor wir nicht den Faden gekappt haben.“

Pethen hielt die Hand vor seine Gefährtin, weil er wenigstens hören wollte, was der Fremde vorzuschlagen hatte.

„Ich kann schnell was tun, damit er fürs erste verborgen ist, aber kappen musst du ihn selbst.“ Der Fremde wartete auf eine Reaktion, aber Pethen war zu verwirrt, um eine Entscheidung treffen zu können.

„Die Zeit rennt euch davon“, warf der Dürre wieder ein. „Die Tore werden bald geschlossen, selbst wenn die Priester nicht vor euch bei ihnen sind. Ihr müsst uns einfach glauben, dass wir nicht eure Feinde sind.“

„Warum wollt ihr uns helfen?“ Hylei konnte ihre Feindseligkeit nicht ablegen.

„Ihr habt dort hinten sechs Männer getötet und noch mehr verwundet. Sie sind euch seit Tagen, wenn nicht sogar Wochen auf den Fersen und du fragst sowas? Ihr könnt jede Hilfe gebrauche, die ihr kriegen könnt.“

„Lass gut sein. Genau deshalb fragen sie ja.“ Der Hagere schien der Besonnenere der beiden zu sein. „Es gibt viele Gründe, aus denen wir euch helfen wollen. Nicht der geringste ist sicherlich, dass ihr Hilfe benötigt. Aber wir wollen auch, dass ihr keine Unruhe mehr stiftet, denn so etwas, wie dieser Kampf, könnte unsere eigenen Pläne gefährden. Daher müsst ihr aus der Stadt raus.“

„Damit kann ich leben, Hylei.“ Pethen fing sich einen Schlag gegen die Schulter und einen bösen Blick ein und bemerkte, dass er ihren Namen genannt hatte.

„Ich bin Estron“, sagte der Hagere, der offensichtlich das Problem erkannt hatte. Er verbeugte sich leicht. „Wenn du mir erlaubst, dann werde ich dir zeigen, wie du den Faden kappen kannst.“

Pethen nickte, war trotzdem überrascht, als der Mann ihm an die Stirn fasste. Er wäre gerne vor der Hand und den Gefühlen, Gedanken und Ideen, die plötzlich in ihn drangen, zurückgeschreckt, konnte sich jedoch nicht bewegen. Bilder erschienen vor seinem inneren Auge von Magie und ihrer Verwendung, Begriffe, die ihn verstehen ließen, was in ihm vorging, Fähigkeiten, die er sich niemals vorgestellt hatte. Für Stunden stand er so da und versuchte all das Neue zu verarbeiten, bis er nur einen Augenblick später wieder in der Gasse stand und schwer Atmete. Der Hagere fing ihn auf, als ihm die Beine den Dienst verweigerten.

„Was haben sie mit ihm gemacht?“ Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie ihr Messer und hielt es Estron unter das Kinn. Aber genauso schnell umfasste die Hand des Fremden ihr Handgelenk und fixierte es wie in einem Schraubstock. Sie versuchte sich aus dem Griff zu befreien, aber ihre ersten Versuche waren vergeblich.

„Es geht ihm gleich wieder gut. Er muss nur die neuen Gedanken ordnen.“ Er richtete den schlaffen Körper wieder auf, bis Pethen sich von allein aufrecht halten konnte. Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Du weißt, wie du die Verbindung trennen kannst?“ Pethen nickte. „Dann tu es.“

Pethen ließ sich auf die Erde sinken. „Es ist in Ordnung.“ Ein kurzer Blick zu seiner Partnerin, die von ihrer Angriffshaltung in einer der Abwehr wechselte, das Messer jedoch nicht wieder in der Scheide verschwinden ließ, nachdem der Fremde ihre Hand entlassen hatte. Sie ließ keine Reaktion erkennen, außer dass sie die Hand sinken ließ.

Auf den Knien zu sitzen war nicht besonders bequem, aber nicht so kalt wie der Schneidersitz und Pethen würde auch nicht viel Zeit benötigen. Den Zauber, den er vollbringen musste, hatte er zwar noch nie gewirkt, aber das Wissen, dass der Hagere ihm geschenkt hatte, war wie eine frische, perfekte Erinnerung. Wenn er sich daran hielt, konnte er nichts falsch machen. Und das Ausführen von Anweisungen hatte er zur Genüge in der Magierzuflucht eingeübt, selbst wenn es ihm nie zu etwas nütze gewesen war.

Nachdem er in seiner Vorstellung die Magie auf diese ganz bestimmte Art gesammelt und um seinen Bauchnabel konzentriert hatte, zog er sie zusammen und sah den Faden, den er in letzter Zeit gar nicht mehr wahrgenommen hatte, wie ein Spinnweb davonwehen. Mit dem Ende der Arbeit rauschte ihm das Blut in den Kopf und er taumelte nach vorne. Fremde Hände fingen ihn zum zweiten Mal auf, er schüttelte sich jedoch und kam aus eigener Kraft wieder auf die Beine.

„Das fühlte sich ungewöhnlich an. Ein bisschen wie zu viel Bier.“ Sein Kopf war heiß, das Gefühl ließ jedoch langsam nach.

„Dann helfen wir euch jetzt noch raus“, sagte der Fremde und winkte vor ihren Gesichtern herum. Hylei wich vor der Hand zurück. Dann schnellte ihr Kopf plötzlich herum und sie studierte Pethens Gesicht, als hätte sie es noch nie gesehen. Pethen, der immer mehr auf seine andere Sicht vertraute, fiel erst durch ihr Verhalten auf, dass ihr Gesicht, welches er mit seinen Augen sah, nicht mehr mit dem übereinstimmte, das die Sicht ihm zeigte. Auch er begann sie von oben bis unten zu betrachten. Der Fremde hatte ihr Äußeres verändert, aber nicht ihre Körper, wenn das einen Sinn ergab. Er fasste an sein Gesicht und es fühlte sich genauso an, wie zuvor.

„Es ist nur ein kleines Trugbild. In drei Tagen vergeht es von selbst.“

Hyleis fremdes Gesicht sprach Bände, und man musste nicht ihre Gedanken lesen, um sie deuten zu können. Sie verbscheute es, dass man einen Zauber auf sie gelegt hatte. Sie verabscheute es, nicht einmal gefragt worden zu sein. Und vor allem verabscheute sie es, dass man ihr ungebeten etwas Gutes tat. Gleichzeitig war ein kleiner Teil von ihr Dankbar für die Hilfe, was sie zu verbergen suchte, sich jedoch in ihrem nun menschlicherem Gesicht besser zeigte als in ihrem eigenen.

„Wie können wir euch danken?“ übernahm Pethen den Gesprächsfaden.

„Bleibt am Leben. Lasst euch nicht schnappen. Lehrt euer Können anderen und helft ihnen, sich im Verborgenem zu halten, bis Magie wieder öffentlich verwendet werden kann.“

Pethen nickte, auch wenn er dabei fürchtete, ein Versprechen abzugeben, dass er niemals einhalten können würde.

„Geht jetzt. Möge Emaofhia über euch Wachen.“

Ohne zu zögern, drehten sie sich um und liefen in Richtung des östlichen Stadttors. Und die ganze Zeit über grübelte Pethen, wer Emaofhia sein mochte.

 

„Du weißt, dass er nicht über sie Wachen wird.“

„Das weiß ich. Aber er wird immer wieder einen Blick in ihre Richtung werfen. Das ist doch auch schon was, oder?“

„Vielleicht. Ich hoffe es für sie. Denn du hattest Recht: Sie können jede Hilfe gebrauchen, die sie bekommen können.“ Estron blickte Shaljel mit einem Lächeln an. „Der Wärmezauber war eine nette Idee.“ Shaljel antwortete mit einem Grinsen. Sie schlugen den Weg zurück zum Haus von Salvina und Greivano ein, wobei sie nicht versäumten, ein paar Umwege zu machen, um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. „Wie lang wird der Zauber anhalten?“

„Ich hoffe bis die ersten Knospen sprießen. Sie haben einen harten Winter vor sich.“

„Das haben wir alle. Aber sag mir eins, Shaljel: Warum hast du diesen Zauber nicht auch auf meine Schüler gelegt?“

„Wieso? Das hättest du doch selber machen können?“ lachte Shajlel.

„Du weißt, dass ich die Magie meide.“

„Ach! Aber ein paar Fellfetzen konntest du zusammenzaubern? Du weißt einfach nicht, was du kannst.“

Estron schwieg. Shaljel sprach einen wunden Punkt an. Er war mit der Magie immer noch nicht vertraut, so dass ihm seine eigenen Möglichkeiten oft nicht in den Sinn kamen. Allerdings war er sich sicher, dass auch der Feen oft genug nicht an seine eigenen Fähigkeiten dachte und vor allem auch nicht an die Bedürfnisse anderer, die nicht über sie verfügten.



Feen 2: Der Angriff beginnt

Mittwoch, 24. September 2014, 17:23
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Owithir, seine Männer und Reigerin hatten bereits ihr Brot gegessen, als ein weiterer Priester vor der Pforte erschien. Owithir kannte ihn, auch wenn er nur wenig mit ihm zu tun gehabt hatte. Er wusste, dass der ältere Diakon, der den Namen Heigadan trug, sich mehrfach bei der Jagd nach Ketzern hervorgetan hatte. Was dies genau bedeutete, wusste Owithir inzwischen nicht mehr zu sagen. Früher wäre er sich sicher gewesen, dass es für Heigadans Glauben sprach, für seine Aufopferung, seine Hingabe. Er hatte jedoch zu viele Priester erlebt, denen es Spaß zu machen schien, die Ketzer zu töten, und die dabei keine Rücksicht darauf nahmen, dass auch andere zu Schaden kommen konnten. Wenn Wächter starben, war das schlimm genug, aber sie wussten immerhin, auf was sie sich einließen. Wenn jedoch Gläubige, die sie schützen vorgaben, unter der Jagd auf die Häretiker litten, stellte sich für Owithir die Frage, ob sie dann nicht genauso gefährlich waren, wie die Menschen und Halbmenschen, die sie jagten.

Und, ohne es zu wollen, spürte Owithir die Person, die Heigadan war, als er auf ihn zukam. Es blieb die Hoffnung, dass der Diakon sich in der Stadt mäßigen würde.

Nachdem Owithir Heigadan die notwendigsten Details mitgeteilt hatte, hatte sich der Trupp auf den Weg gemacht, um die Spur wieder aufzunehmen. Reigerin hatte er der Obhut des Abts anvertraut.

„Er wird sich um dich kümmern.“ Er hatte sich vor sie gekniet und bei den Schultern gefasst. Es war eine Geste, die er bei Eltern mit ihren Kindern gesehen hatte. Sie wirkte vertraut und freundlich, familiär, etwas, nach dem er sich immer gesehnt hatte, obwohl er es lange nicht hatte wahrhaben wollen.

„Sollte mir etwas zustoßen, dann wird er dafür sorgen, dass du unterkommst.“ Er hatte ihr in die Augen geblickt und durch seine Hände gespürt, wie Furcht in ihr aufgestiegen war. Er mochte es nicht, fremde Gefühle zu spüren, hatte es nie gemacht, meist konnte er sich jedoch nicht dagegen wehren. Deswegen vermied er es meist, jemanden zu berühren. Reigerin hielt sich jedoch jeden Tag an ihm fest und ihre Gefühle schienen ihm inzwischen so vertraut wie seine eigenen.

„Ich will nicht hier bleiben, lasst mich nicht allein, Wohlehrwürden.“, Owithir hatte im Augenwinkel wahrgenommen, wie der Abt ob der falschen Anrede hatte Einspruch erheben wollen, ignorierte jedoch die Bewegung.

„Ich komme wieder. Die Götter haben mich beschenkt und werden mich beschützen. Wir werden zurückkehren, Reig.“ Er schenkte ihr ein mühsames Lächeln und Reigerin antwortete ihm mit einer unziemlichen Umarmung, die Owithir geschehen ließ.

 

Sie hatten die Hafenstraße erreicht, ohne dass Owithir die Spur gesehen hatte. Die beiden Dämonenbeschwörer schienen einen Bogen um den Tempel Veshtajoshs gemacht zu haben, was niemanden wundern sollte. Auf der großen Straße jedoch zogen sich die leuchtenden Fäden hin und her, und die neuste führte direkt zum Markt. Owithir stellte sich an den ersten Stand und blickte die Reihe hinunter. Die Spur verschwand in einer Marktgasse.

„Diakon, führt die Zwanzig die Reihen hinunter. Ich werde mit meinen Männern am Rand des Markts entlanggehen. Die Ketzer sind hier. Seid bitte vorsichtig und verletzt niemanden.“

Heigadan legte den Kopf zur Seite und brüllte: „Wächter, in Vierergruppen die Gassen entlang.“ Der Ausdruck in seinem Gesicht verriet nicht, was er von Owithirs Worten hielt, der fehlende Gruß jedoch sprach Bände.

„Wartet mit eurem Angriff auf mein Wort. Versucht nicht, die Hexer ohne meine Hilfe gefangen zu nehmen.“ Owithir blickte den Männern mit einem unguten Gefühl hinterher, dann machte er sich selbst auf den Weg, gefolgt von seinen fünf Gefolgsleuten.

Es dauerte nicht lange bis er den Ursprung der Spur entdeckte. Der Mann rannte die Gassen entlang, ohne sich umzusehen. Er strebte auch keinem Ausgang zu. Wo er hin lief, konnte Owithir nicht erkennen, es lag jedoch nahe, dass er wusste, dass seine Verfolger ihn eingeholt hatten. Der Priester schickte Laftin und Kalig zur rechten, behielt Marinam bei sich und sandte die beiden anderen nach links. Dann gingen sie gemeinsam voran, immer auf den Hexer zu. Seine Männer hielten ihre Armbrüste Schussbereit, ein Umstand, der Owithir schlimmes befürchten ließ, denn auf dem Markt liefen immer noch zu viele Unbeteiligte herum. Er sah aber ein, dass sie mit ihren Nahkampfwaffen kaum eine Bedrohung für die Hexer darstellen würden.

Plötzlich blieb der Dämonenbeschwörer stehen. Er schien sein Ziel erreicht zu haben, blickte sich jedoch um, bis er Owithir direkt in die Augen zu sehen schien.



Feen 2: Kampf auf dem Markt 1

Montag, 22. September 2014, 14:29
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Inzwischen waren die ersten Marktweiber dabei, ihre Stände abzubauen um in ihre Hütten vor der Stadt zurückzukehren. Hylei und Pethen hatten sich nur kurz in einer Seitengasse des Marktes getroffen, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Mit dem wenigen Geld, das ihnen zur Verfügung stand, wollten sie sich so gut es ging ausrüsten. Jeder für sich schlenderte über den Platz und arbeitete seinen Teil ihrer Einkaufsliste ab. Sie besaßen beide keine Erfahrung im Feilschen, der Umstand, dass viele noch ein Geschäft am Abend machen wollten, kam ihnen jedoch zur Hilfe.

Pethen versuchte Hylei im Auge zu behalten, was nicht weiter schwer war, denn sie leuchtete wie eine Spiegellampe in seiner Sicht. Tatsächlich war es schwerer, sich nicht von ihr ablenken zu lassen. Was der Fremde ihm über seine Sicht gesagt hatte, war ihm dabei nicht hilfreich. Sobald Hylei ihn nach dem Gespräch wieder allein gelassen hatte, hatte ihn die Neugier gepackt und er hatte vorsichtig den Kreis, in dem er alles zu sehen glaubte, weiter und weiter ausgedehnt, bis er tatsächlich die ersten Häuserreihen um sich herum durchbrochen hatte. Dann hatte er sich zwingen müssen, wieder in der Nähe zu sehen, ein verzweifeltes, erfolgloses Unterfangen. Verzweiflung, Angst, Panik. Dann, plötzlich und schmerzhaft, hatte ihn jemand gerüttelt. Allein die Berührung war wie der Stich mit einem weiß-glühendem Eisen gewesen. Er hatte aufgeschrien, war zurückgeschreckt, zusammengezuckt, auf die Knie gefallen. Aber seine Sicht war wieder um ihn herum, bis zum nächsten Haus. Er hatte aufgeblickt und einen der anderen Arbeiter gesehen, mit seinen Augen, und ließ sich von ihm beim Aufstehen helfen.

Seitdem musste er kämpfen, um nicht weiter zu sehen, als er es tatsächlich wollte, gerade so, als hätte dieser eine Vorfall Schleusen geöffnet, die nur unter Anstrengung geschlossen blieben. Daher entging ihm nur wenig von dem, was auf dem Markt geschah, auch wenn er nicht alles begriff oder auch nur verarbeiten konnte. Der Priester und die Krieger, die ihn begleiteten, konnten ihm nicht entgehen, als sie am Rand des Marktplatzes erschienen. Er hätte sie jedoch nicht weiter beachtet, wenn der Priester nicht eben so stark geleuchtet hätte, wie Hylei, nur in einer anderen Farbe, soweit er dieses Leuchten als Farbe betrachten konnte. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er vermutlich gesagt, dass das Licht, dass den Mann umgab, weiß war. Anschließend hätte er sich selbst berichtigt und für einen kurzen Moment darauf bestanden, dass es doch ein Blau war, bis er sich wieder zu weiß korrigiert hätte.

Er hatte schon mehrfach versucht, sich mit seiner Sicht selbst zu betrachten. Aber selbst wenn er seine Arme und Beine sehen konnte, sahen sie doch niemals anders aus, als wenn er sie durch seine Augen betrachtete. Nur dass sich dieser blasse, blaue Schimmer über sie legte, den er in seiner Sicht auch über allem anderen sah. Inzwischen wusste er diese Einfärbung seiner Umgebung als Zeichen zu deuten, dass er nicht mehr durch seine Augen blickte und achtete bewusst darauf, denn oft genug bedeutete dies, dass seine Augen geschlossen waren.

Obwohl er den Priester noch nie bewusst auf diese Weise gesehen hatte, wusste er durch dieses besondere Leuchten sofort, um wen es sich handeln musste. Auf den Reisen hatte er einfach zu oft darüber nachgedacht, dass die Magie, mit der der Priester Meister Zelon an einen Baum geschleudert und ihn selbst angegriffen hatte, seiner eigenen viel ähnlicher war, als alles, was Meister und Schüler der Magierzuflucht hatten zaubern können, selbst wenn erst der fremde Mann es ihm bewusst gemacht hatte. Es hieß immer wieder, dass die Götter ihren Propheten besondere Gaben verliehen, aber wenn diese Gabe von den Göttern stammte, dann war auch er, Pethen, gesegnet worden.

Er begann zu rennen, an den Marktständen, Zelten und Buden vorbei, schließlich zwischen ihnen hindurch, um zu Hylei zu gelangen. Am Rande seiner Wahrnehmung nahm er wahr, dass sich der Priester, ihr Verfolger, mit nur fünf Kriegern um den Markt herum bewegte, während der Rest sich langsam die Einkaufspfade entlangarbeitete und dabei die Menge vor sich herschob.

 



Feen 2: Owithir kriegt eine Beförderung

Freitag, 19. September 2014, 17:19
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Reigerin starrte auf das Tor, durch das sie reiten mussten, um in die Stadt zu gelangen. Sie hatte den Rauch, der aus den vielen Schornsteinen stieg, schon seit dem Mittag gerochen und schließlich auch am Horizont gesehen, lange Zeit bevor die ersten Häuser erkennbar wurden. Sie hatte Wohlerwürden gefragt, warum sie auf das Feuer zureiten würden, hatte zuerst aber nur ein Lachen der Wachen geerntet, bis Owithir sie aufgeklärt hatte. Seitdem hatte sie sich gewundert, was sie wohl zu sehen bekommen würde, sobald sie die Stadt erreichten.

Gleichgültig, was sie erwartet haben mochte, es war nicht das, was sie vorfand. Sie war gleichzeitig enttäuscht und über alle Maßen beeindruckt. Imanahm war grau und schmutzig. Die gewaltigen Mauern, die sie passieren mussten, bestanden aus riesigen, behauenen Steinen, einige so groß wie Reig selber. Sie hatte zuerst gedacht, sie ritten auf einen Steinbruch zu. Erst als sie das Tor gesehen hatte, hatte sie auch die Zinnen wahrgenommen.

Die Wächter am Tor waren eine Enttäuschung. Sie war Wochen lang mit den fünf Männern unter Owithir geritten, harten Männern, so aufrecht und stolz, wie sie da auf ihren Ges saßen. Die Wächter, die nur für einen kurzen Augenblick versuchten, ihnen den Weg zu verstellen, waren vielleicht nicht ganz so schmutzig wie Marinam und die anderen. Aber in ihre Gesichter stand die Angst geschrieben, als sie Owithir erkannten. Sie wichen feige und unterwürfig zurück. Dadurch fühlte sie sich auf seltsame Weise überlegen, obwohl sie ein junges Mädchen war. Sie hatte keine Angst vor Owithir.

Sicher, die Tore, die die ganze Zeit offen standen, waren groß und beeindruckend. Die Häuser, an denen sie auf ihrem Weg vorbeikamen, waren jedoch alt und in einem schlechten Zustand. Je weiter sie sich zum Zentrum vorarbeiteten, desto besser wurden allerdings die Gebäude, bis sie den Marktplatz sehen konnte. Bevor sie den Platz jedoch erreichten, bogen sie zur rechten ab und gelangten auf diese Weise in eine Gasse, durch die das Bataga sich nur mühsam bewegen konnte. Mehrfach stießen Owithirs Beine bei den schwankenden Bewegungen gegen die Hauswände. Reig spürte, wie er sich jedes Mal dabei verkrampfte. Sie stellte sich vor, wie er die Zähne zusammenbiss, um nicht zu fluchen. Ihr Vater hätte geflucht.

Marinam meldete sich, sobald sie alle in die Gasse eingebogen waren: „Wohlehrwürden, müssten wir nicht zum Tempel Veshtajoshs und Bericht erstatten?“

„Wir sind auf dem Weg, Marinam. Aber der direkte Weg würde länger dauern. Selbst zu dieser Zeit ist der Markt noch zu voll.“

„Nach links wäre es noch schneller gegangen, Wohlerwürden. So müssen wir einmal um den Markt herum.“

Owithir schwieg. Er kannte den anderen Weg. Es war tatsächlich der Kürzere. Aber die Spur, die er immer noch verfolgte, verlief auf dieser Seite. Er würde sie so lange verfolgen, wie er vorgeben konnte, sich weiterhin auf dem Weg zum Tempel zu befinden, dann würde er sie für einen kurzen Moment aus den Augen verlieren müssen. Er hatte die unbegründete Furcht, dass sie, sobald er sich von ihr abwandte, verschwinden würde. Dabei waren sie anfangs mehrfach von der Spur abgekommen, als er sie noch nicht hatte sehen können, bevor die Götter sie ihm offenbart hatten. Je näher sie der Straße kamen, die in Richtung des Hafens führte, desto mehr Spur konnte Owithir erkennen. Zuerst dachte er, dass sie inzwischen so nahe an die Dämonenbeschwörer herangekommen waren, dass die Spur überdeutlich wurde. Es bedurfte jedoch nur eines zweiten Blickes, damit er diese Überlegung verwarf. Tatsächlich handelte es sich um mehrere Spuren, die sich immer wieder kreuzten. Einige älter, einige jünger, als wären sie immer wieder hier entlang gekommen. Owithir nickte, als sie die Hafenstraße kreuzten, um sich selbst zu bestätigen, dass sie am richtigen Ort waren. Auf dieser Straße waren sie ein paar Mal zum Markt gegangen und wenn er jetzt auf den Platz blickte, konnte er auch dort die Spur sich zwischen den Ständen schlängeln sehen.

 

Sie erreichten den Tempel kurze Zeit später. Er war gewaltig. Reigerin blickte die hohen Mauern hinauf. Sie sah die großen Fenster, die größten, die sie jemals gesehen hatte. Überhaupt hatte sie bisher nur hier in der Stadt und bei den Gasthäusern, an denen sie vorbeigekommen waren, Glasfenster gesehen. Aber nichts, dass auch nur annähernd so beeindruckend gewesen wäre, wie diese.

Reigerin konnte ihre Blicke nicht davon abwenden. Weswegen ihr bei diesem ersten Besuch auch nicht die Menschenmenge auffiel, welche von dem Tempel durch eine Absperrung ferngehalten wurde. Sie registrierte nicht einmal, dass einige der Verzweifelten versuchten, Owithirs Aufmerksamkeit zu erlangen. Erst beim nächste Mal, als sie den Platz mit offenen Augen für ihre Umwelt betrat, hielt sie die schreiende und heulende Menge für Bettler. Sie bettelten jedoch nicht um Brot, denn das erhielt man an anderen Tempeln leichter.

Als Owithir vor ihr von einem Wächter angesprochen wurde, gelang es ihr endlich, ihre Augen von dem Tempel loszureißen und etwas anderem zuzuwenden.

Die Kleidung des Mannes war der ihrer Wächter nicht unähnlich, nur sehr viel ordentlicher und besser für die Kälte ausgestattet. Einen Moment lang schien er den dreckigen Haufen, der auf ihn zukam, nicht zuordnen zu können, Als Owithir jedoch seinen Amtsstab unter seinem Hemd hervorholte, verbeugte er sich sofort.

„Ist gut, mein Sohn. Wir sind in Eile. Ich bin Subdiakon Owithir. Wir verfolgen zwei flüchtige Hexer. Wir erbitten Unterstützung in unserem Unterfangen.“

Der Wächter sah ihn mit großen Augen an. Owithir hatte schnell und mit Nachdruck gesprochen, aber nicht unfreundlich. So wie er sprach, hätte man annahmen können, dass er gerade vom Gebet kam. So wie er jedoch aussah, kam er vom Schlachtfeld. Der Mann war erst seit einigen Wochen ein Wächter und hatte zum ersten Mal das Amt des Meisters der Pforte inne. Aber über jemanden Namens Owithir hatte selbst er Gerüchte gehört. Sehr beängstigende Gerüchte.

„Ich werde sofort den Hochehrwürdigsten Abt verständigen, Wohlehrwürden.“ Er verbeugte sich erneut und rief etwas durch die geschlossene Tür hinter sich. Augenblicklich kam ein weiterer Wächter, der den Reisenden einen nicht zu freundlichen Blick zuwarf. Sobald er jedoch die Worte seines Kammeraden gehört hatte, verbeugte auch er sich und lief zurück ins Gebäude.

Der zurückgelassene Wächter blickte unsicher zu dem Mann auf dem Bataga hoch. Er und seine Gefolgsleute schienen keine Anstalten zu machen, von ihren Reittieren abzusteigen, was selten, aber nicht zu ungewöhnlich war. Sie mochten auf die offizielle Begrüßung durch einen Priester warten, oder sie waren dermaßen in Eile, dass es sich nicht gelohnt hätte. Es bestand aber auch die Möglichkeit, dass der Subdiakon vor ihm die Sondervollmachten eines Hexenjägers wahrnehmen wollte, und so seine Sonderstellung gegenüber dem Abt zu betonen beabsichtigte. Eine dumme Idee, wenn man hoffte, die Stufen der Hierarchie hinaufzuklettern, soviel wusste selbst der Wächter.

Während er noch über den Grund nachgrübelte, schwang bereits die Tür hinter ihm auf und er musste dem Abt den Weg frei geben. Der alte Mann war rüstig, atmete dennoch schwer, als hätte er sich sehr beeilt. Er blieb stehen, um den jüngeren aber verdreckten Mann mit zusammengekniffenen Augen zu mustern.

„Der junge Owithir ist zurückgekehrt. Warum kommst du nicht herein?“

„Euer Gnaden.“ Owithir verbeugte sich so tief, wie es ihm auf dem Bataga möglich war, „Wir haben zwei Hexer hierher verfolgt. Ich fürchte, dass sie uns entkommen könnten, wenn wir die letzten Stunden des Tages nicht noch ausnutzen.“

„Mein Sohn, wir haben deine Nachricht erhalten. War es wirklich so schlimm?“

„Ja, Euer Gnaden. Ich werde euch heute Abend gerne alles genau berichten, aber verzeiht mir, wenn ich euch nicht den gebührenden Respekt erweise. Die Götter haben mir mit ihrer Gabe offenbart, dass die Häretiker ganz nahe sein müssen. Daher bitte ich euch, mir einige Tempelwächter zur Verfügung zu stellen, damit wir sie festnehmen können.“

Der alte Mann sah Owithir prüfend an. Er hatte selten mit ihm gesprochen, und wenn es tatsächlich dazu gekommen war, war ihm der jüngere Mann immer schüchtern und gequält vorgekommen. Der Owithir vor ihm schien eine neue Selbstsicherheit gefunden zu haben und der Abt musste lächeln, denn anders als so viele andere Priester, schien ihn diese Selbstsicherheit nicht abweisender, sondern nur bestimmter, vielleicht sogar ein wenig glücklich gemacht zu haben. Er machte einen Schritt auf den Berittenen zu und legte ihm seine alte Hand auf den Unterarm, ohne zu wissen, was er ihm damit möglicherweise antat. Er sah, wie sich Owithirs Augen verengten, wurde jedoch von dem Novizen abgelenkt, der aus dem Tempel herauslief. Der Junge hielt ein kleines Kästchen in der Hand und reichte es ehrerbietig dem Abt.

„Eigentlich solltest du dies nach einem Gottesdienst erhalten. Aber wie du sicher weißt, schreiben unsere Regeln vor, dass ein Subdiakon nur unter der Führung eines Diakons Wächtern vorstehen darf. Ich denke, über deinen Regelverstoß während deiner Mission können wir hinwegsehen. Aber bevor ich dir noch mehr Männer anvertraue, sollten wir Ordnung schaffen.“ Er lächelte erneut. „Dies hat nur auf deine Rückkehr gewartet.“ Damit klappte er das Kästchen auf. Es enthielt einen Amtsstab, wie Owithir ihn unter seinem Hemd trug, vielleicht eine Spanne lang und Daumendick. Nur war dieser Stab mit Eisen beschlagen, nicht mit Kupfer, wie Owithirs. Ein Diakonsstab.

Jetzt stieg Owithir doch vom Bataga und versuchte die Schmerzen in seinen Beinen nicht zu zeigen, als er sich auf die Knie fallen ließ. „Euer Gnaden, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin nicht würdig, diesen Rang zu bekleiden.“

„Du bist es. Wenn nicht du, wer sollte es sonst sein. Du bist von den Göttern gesegnet. Und du hast ihre Gabe immer nur in Ehrfurcht und in ihrem Dienst verwendet.“ Er wandte sich an den Meister der Pforte. „Geh zum Meister der Wachen und richte ihm aus, dass bis zum nächsten Gongschlag zwanzig Wachen an der Pforte zu stehen haben, ausgerüstet für die Jagd auf Hexer und Dämonenbeschwörer.“ Der Wächter verbeugte sich tief und rannte fort, als wäre ein brennendes Bataga hinter ihm her. Anschließend wies der Abt den Novizen an, ein wenig Brot und Wasser vor die Pforte zu bringen, während Owithir immer noch auf dem harten Pflasterstein saß und sich zu seinen Männern umsah, die ihn seltsam zufrieden anlächelten. Dann winkte er Reigerin vom Bataga herunter und sie blieb zwei Schritte hinter ihm stehen. Sie sah recht verloren aus, zwischen dem großen Tier und dem Abt.

Der alte Mann sah sie kurz an, flüsterte dann aber einen Segen über dem neuen Diakon, den Reig nicht verstehen konnte. Dabei schien er das Mädchen vollständig zu vergessen. Erst dann reichte er Owithir die Hand und half ihm, aufzustehen.

Inzwischen waren auch die Wächter seines Gefolges abgestiegen. Noch bevor Owithir sich umdrehen konnte, waren sie bereits jeder auf ein Knie gefallen und hatten den Kopf gesenkt. Es war eine ungewöhnliche Ehrerbietung, dem Hüter des Leuchtens vorbehalten. Dementsprechend ernteten sie den missbilligenden Blick des Abtes und auch Owithir runzelte die Stirn. Er hatte auf der Reise gespürt, dass mehr zwischen ihm und seinem Gefolge entstanden war, als es zwischen Priester und Wächtern üblich war. Er war nicht sicher, was seine Männer tatsächlich in ihm sahen, denn er hatte vermieden, ihre Gedanken zu lesen, aber ihre Gefühle waren oft genug zu ihm gelangt. Trotzdem konnte eine solche Ehrbezeugung Unruhe stiften, wenn sie von den falschen Leuten gesehen wurde.

„Steht auf, Marinam, Laftin, Kalig. Der Kniefall steht mir nicht zu. Ihr beschämt mich und wenn jemand eine solche Ehre verdient hat, dann gewiss ihre Gnaden und nicht ich. Steht bitte auf.“

Und zum Erstaunen des Abtes erhoben sich die Männer und wirkten sogar ein wenig beschämt, obwohl Owithirs Worte freundlich, wenn auch mit Nachdruck, vorgetragen worden waren. Der junge Diakon wandte sich erneut an den Abt.

„Verzeiht ihnen diese Ungehörigkeit. Sie haben auf der Reise untadelige Arbeit geleistet und jede Erwartung, die man hätte haben können, weit übertroffen.“

„Ist schon gut, mein Sohn, ich werde es aus meinen Gedanken verbannen.“

In diesem Augenblick trafen die zwanzig Wächter ein. Sie sahen adrett aus und standen augenblicklich in Reih und Glied, eine Übung, die Owithirs Gefolgsleute seit Monaten nicht mehr ausgeführt hatten und fast belustigt zur Kenntnis nahmen. Der Abt wandte sich an die Männer:

„Ich unterstelle euch Diakon Owithir, der auf der Suche nach zwei Dämonenbeschwörern ist.“ Owithir trat vor. „Wer ist euer Gruppenführer?“ fragte er auf seine stille, fast vorsichtige Art hinzu. Seine eigenen Gefolgsleute wussten inzwischen, dass ihn seine Sanftheit nicht schwach machte. Ein Mann meldete sich. „Wie ist dein Name?“

„Veinem, Hochehrwürden.“

„Veinem, ich erwarte von euch, dass ihr erst zu euren Waffen greift, wenn ich es euch befehle, dass ihr eure Angriffe abbrecht, wenn ich euch es befehle und dass ihr vorsichtig mit den Gläubigen und euch selber seid.“ Er nickte dem Mann zu und bemerkte, dass er anscheinend zu einem seiner eigenen Wächter um Bestätigung blickte. Er blickte sich kurz um, und konnte gerade noch sehen, wie Tafgen zurücknickte. Er wandte sich wieder dem Abt zu. „Euer Gnaden, ich fürchte, ich bin noch nicht erfahren genug, um so viele Männer gleichzeitig zu befehligen. Wäre es möglich, dass ihr mir einen Diakon zur Seite stellt?“

Der alte Mann lächelte ihn freundlich an und ließ sofort noch einmal seinen Novizen loslaufen. „Immer noch so bescheiden, Hochehrwürden?“

 



Feen 2: alle (bis auf Ohnfeder) nähern sich einem Ort

Montag, 15. September 2014, 13:35
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Seine Unterkunft war weniger gemütlich als beim letzten Mal. Nachdem er sich unerwartet schnell aus dem Haus Upajano hatte verabschieden müssen, konnte er dort schlecht nach zwei Wochen plötzlich wieder auftauchen, zwei Wochen, in denen er tot in irgendeinen Bordstein hätte liegen können. Und wenn es nach der Dame des Hauses ging, wäre es vermutlich das, was sie sich für ihn wünschte. Die wenigsten Frauen konnten gut damit umgehen, mit einem Mann das Bett zu teilen, der sich anschließend heimlich davon stahl.

Deswegen hatte Enk sein Lager jetzt in dem Keller einer anderen Villa aufgeschlagen. Den Weg dorthin hatte er früh auf einem seiner ersten Aufträge in Imanahm gefunden. Er selbst war zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass das Haus über diesem Keller in einem so schlechten Zustand war. Vermutlich, wenn der Hausherr und seine Geliebte nicht einem überraschenden gemeinsamen Selbstmord zum Opfer gefallen wären. Der einzige Sohn lebte noch in den kalten Räumen über der Erde, ein alter Diener hielt, wenigstens in seinen eigenen Augen, den Schein aufrecht, dass es noch ein anständiges Haus war.

Die großen Vorteile dieses Verstecks waren, dass nicht nur der Eingang gut verborgen in einem Hinterhof lag, sondern die Hausbewohner ungewöhnlich abergläubisch waren. Jedes Geräusch, das er machen würde, würden sie den Hausgeistern zuschreiben.

Allerdings hielt er sich kaum in dem Keller auf, denn die Suche nach Estron nahm all die Zeit in Anspruch, die er nicht damit verbrachte, seine Bestände wieder aufzufüllen. Er hatte in letzter Zeit seine Truhe zu oft geplündert, ohne sie nachfüllen zu können. Und ohne die Verkleidungen, die er regelmäßig aus ihr hervorzog, war es denkbar schwer, unerkannt zu bleiben. Nicht, dass ihm gegenüber Estron eine Verkleidung helfen würde. Der Keinhäuser hatte ihn erkannt, Enk war sich ganz sicher. Es war nur ein kleines Aufflackern gewesen, dass er in den Augen des anderen hatte sehen können, als sich ihre Blicke für den Bruchteil eines Herzschlags trafen. Dann hatte Estron wieder auf die Straße geachtet und ihm, in seiner Bauernverkleidung keine weitere Beachtung geschenkt. Aber Enk wusste es. Und es bestand kein Zweifel, dass Estron auch wusste, dass Enk es wusste. Estron war schon immer unangenehm aufmerksam gewesen.

Er würde ihn also aus der Entfernung beobachten. Dazu musste er ihn allerdings erst einmal finden. Und das stellte sich als das erste Problem heraus: Enk konnte sich nicht einmal ganz sicher sein, dass sich der Gesuchte überhaupt noch in der Stadt befand. Vielleicht war er einfach nur hindurch gereist oder hatte die Stadt gleich links liegen lassen. Deswegen hatte er sich bereits einen der anderen Karawanenreisenden auserkoren, den er zum Reden bringen würde.

So begann sein Tag in der einfachsten Verkleidung, die er hatte finden können und endete mit drei Perücken, fünf Jacken, mehreren Paar Schuhen, verschiedenen anderen Utensilien und dem Wissen, dass Estron zumindest die Stadt betreten hatte. Fast alles hatte er gestohlen, manches von Marktständen, einiges direkt aus Häusern, ein paar Sachen aus den Taschen von Menschen, an denen er vorbeigekommen war. Es war riskant so viel an einem Tag zu stehlen, er hatte jedoch keine andere Wahl, wenn er die Spur nicht verlieren wollte. Und nach der Information hatte er nur zu fragen brauchen. Kleine, unauffällige Fragen, eine nach der anderen und zwei Ohren, die zwischen den Worten hörten. Ein paar klingende Münzen, investiert in etwas Essen und etwas mehr zu trinken, halfen natürlich dabei, die Zunge zu lockern.

Estron war in die Stadt gekommen und er war nicht allein. Nach allem, was Enk erfahren hatte, hatte er inzwischen Schüler, was zu dem passte, wie er sich Estrons weiteres Leben vorgestellt hatte. Ein Weiser Lehrer, eine Rolle, die ihm stand. Ein Chuor und ein weiterer Mensch vervollständigten anscheinend seine kleine Gruppe. Wer konnte ahnen, wo er die beiden aufgelesen hatte.

Enk hoffte, dass er in keinen Konflikt mit Estrons Gefolge geraten würde. Vor allem der Chuor konnte ihm Schwierigkeiten bereiten. Sie waren schnell und stark und ihre Nasen waren so gut, dass es schwer werden würde, sich ihnen unbemerkt zu nähern. Er hatte großen Respekt vor den Chuor. So kraftvoll und ausdauernd sie allerdings auch kämpfen mochten, im Prinzip stellte ihre primitive Art der Waffenführung und ihre oft allzu kraftvolle Kampfweise kein Problem für ihn dar. Er hatte schon mehrere von ihnen, einzeln oder auch in Gruppen, getötet, denn sie wurden gerne in den südlichen Städten als Wachen eingesetzt. Einige hatte er vergiftet oder aus dem Hinterhalt ermordet. Mit anderen hatte er sich im Kampf messen müssen. Es waren ungleiche Kämpfe gewesen. Nach den ersten Hieben waren sie ihm mehr oder weniger ins Schwert gelaufen. Nicht, dass er sich über leichte Siege beschweren wollte, dennoch empfand er es als Verschwendung, wenn er mutige und treue Wachen umbringen musste, aus keinem anderen Grund, um näher an sein Ziel zu kommen. Bei diesem Gedanken stutzte er. Er hatte gewiss doppelt so viele menschliche wie Chuor-Wachen getötet und empfand nur für die Wolfsmenschen dieses Bedauern.

Er atmete tief durch.

Einen der Schüler hatte er vermutlich mit Estron gesehen und er war wenig beeindruckt von ihm gewesen. Man sollte natürlich niemanden unterschätzen, sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass sie kein Problem darstellen würden.

Blieb noch der andere Mensch, der mit Estron reiste. Er war ein Rätsel. Gegenüber den anderen Reisenden hatte er seinen Namen nicht genannt, dennoch war er sehr beliebt gewesen. Er hatte alle mit seinen phantastischen Geschichten unterhalten. Unmögliche Geschichten, die aber mit so viel Ernsthaftigkeit vorgetragen wurden, dass man sich von ihnen gefangen nehmen ließ, bevor er sie mit einem Scherz beendete oder ihren Sinn verkehrte. Er hatte die Reise für alle angenehmer gemacht.

Aber nicht nur durch seine Geschichten und seine Fröhlichkeit war er nahezu allen aufgefallen. Irgendetwas hatte er an sich gehabt, dass ihn immer anders erscheinen ließ. ‚Anders‘, so hatte sich der Mann ausgedrückt, hatte Enk aber nicht erklären können, was er damit meinte.

Enk lebte noch, weil er aufmerksam beobachtete und mit klaren Gedanken seinem Weg folgte. Dennoch war er nur in Imanahm, weil er einer Intuition gefolgt war. Er war Gerüchten über Estron gefolgt, obwohl er den Feen Shaljel suchte, weil er gespürt hatte, dass Estron mit ihm in Verbindung stand. Jetzt spürte er etwas ähnliches, was den fremden Mann anging. Seine klaren Gedanken warnten ihn jedoch davor, sich zu sehr auf sine Intuition zu verlassen, auch wenn er ihr soweit folgen wollte, dass er den Mann mit Vorsicht behandelte.

 

Der nächste Tag sah ihn auf einem Dach oberhalb des Marktplatzes liegen. Er hatte sich mehrere Decken mit heraufgenommen. Es war nicht seine Gewohnheit, sich mit solchen Dingen zu belasten, aber die Kälte wurde langsam unangenehm und ohne die Decken hätte er es vermutlich keinen Gongschlag durchgehalten. Der große Marktplatz war das Zentrum Imanahms und er ging davon aus, dass früher oder später jeder ihn aufsuchen würde. Estron kannte er, von dessen Freunden hatte er Beschreibungen, auch wenn sie recht vage waren. Aber die Tätowierungen seiner Schüler sollten auffällig genug sein. Diesen Tag würde er warten und beobachten. Wenn sich nichts ergab würde er morgen weitere Erkundigungen einholen. Vielleicht verlor er auf diese Weise die Spur, vielleicht entkam ihm Estron auf auch, weil Enk es einen Tag ruhig angehen ließ, vielleicht war es nicht klug, so vorzugehen. Aber heute würde er beobachten und sehen, wer sich sonst noch in der Stadt aufhielt.



Feen 2: Shaljel kommt zurück

Samstag, 13. September 2014, 22:16
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Shaljel brauchte nur an die Tür zu klopfen und schon wurde sie ihm von einem der Hausdiener geöffnet. Er war es gewöhnt, für sich selbst zu sorgen, aber anders als Estron hatte er kein Problem damit, wenn ihm jemand das Leben angenehmer machte. So war es nicht immer gewesen, aber er lebte jetzt lange genug, um verstanden zu haben, dass man auch die angenehmen Dinge annehmen können musste. Und vor allem war er, gemessen an anderen Feen, verrückt genug, dass er diese Lektion auch nicht vergaß.

„Hast du ihn getroffen?“ Estron erschien im Türrahmen des Raums, der derzeit als Speisesaal diente, wohl aber auch für Empfänge und andere Feste verwendet wurde.

Shaljel ging auf ihn zu: „Ja. Ist ein misstrauischer Bursche. Aber wer kann es ihm verdenken.“

„Können sie für uns gefährlich werden?“

„Estron! Ich finde, du könntest ein wenig mehr Mitgefühl haben. Er hat Angst. Ich bin nicht sicher, was er durchgemacht hat, aber er hat noch einen Faden zu einem anderen Magier.“

„Du hast den Faden letztes Mal schon erwähnt, aber was hat es damit auf sich? Wenn ich es richtig verstanden habe, hinterlässt er eine Spur, der andere Magier folgen könnten, aber das tun wir doch alle.“

„Nicht solche. Und ich würde behaupten, dass nur du und ich die meisten anderen verfolgen können.“

„Und was ist an seiner Spur besonderes?“

„Es hängt auch am anderen Ende jemand dran.“

„Weist du wer?“

„Nun, es ist kein Verwandter.“

„Kann jeder mit sowas verbunden sein?“

„Nein, nur zwei Magier seiner Art. Du weißt, die anderen Magier. Die, die die Magie aus sich selbst holen.“

„Diejenigen, die man so selten findet? Ich glaube, dass ich niemals einem begegnet bin.“

„Die Drachen haben alles getan, um sie zu vernichten.“ Shaljel wurde ungewohnt grimmig. „Ich habe versucht, so viele zu retten, wie ich konnte, aber, naja, ich bin alleine und sie sind ziemlich viele.“

„Du bist nicht mehr alleine. Ich glaube, du warst es nie. Aber darum machen wir diese Sache hier ja überhaupt.“ Shaljel nickte und seine Stimmung hellte sich wieder auf, um bei der nächsten Frage gleich wieder finsterer zu werden. „Es gibt also noch einen zweiten dieser Magier? Und sie sind verbunden? Ich frage also noch Mal, auch wenn es herzlos ist: Können sie uns gefährlich werden? Und du weißt, was ich meine.“

„Es sieht so aus, als wenn wir damit rechnen müssen … ich meine, es sieht so aus, als wenn es sein könnte, dass er von einem Magier verfolgt wird.“

Estron nickte stumm.

„Ich habe ihm empfohlen, dass er die Stadt verlassen soll. Und das meine ich ehrlich. Der Verfolger kommt mit jedem Tag näher und wenn sie den Faden nicht durchschneiden, dann kann er gar nicht anders, als sie zu finden.“

„Gut, dass wir jetzt wenigstens vorgewarnt sind. Wir sollten uns wohl von ihm fernhalten.“

„Ja, das wäre vermutlich besser.“ Shaljel bemerkte, dass Estron den unsicheren Ton in seiner Stimme gehört hatte und fügte schnell hinzu: „Außerdem ist er nicht allein.“

„Noch ein Magier?“

„Ja, beziehungsweise eine Magierin. Und außerdem ein Feenling.“

„Ein Feenling? Wirklich? Hier? Und das ist niemandem bisher aufgefallen?“

„Wie es aussieht, nicht. Ich weiß aber nicht, wie sie das angestellt haben. Ich konnte sie nicht sehen. Nur ihre Spur. Weil ich ja sowieso gerade nach seiner geguckt habe. Und dann konnte ich sie auch riechen. Ich weiß nicht, was sie vorhatten, sie hat sich aber irgendwo versteckt.“

„Ich kann mir kaum zwei Dinge vorstellen, die sie vorgehabt haben könnten.“

Shaljel sah Estron mit einem fragenden Blick an.

„Ist es nicht offensichtlich? Du hast den Jungen als das erkannt, was er war. Sie sind auf der Flucht. Sie haben Angst, dass du sie verraten könntest. Sie wollten dich vermutlich töten.“

Der Feen in Menschengestalt sah seinen Freund kritisch an. Er hätte es gerne abgestritten, von der guten Natur, die den Menschen inne wohnte, gesprochen. Aber leider kannte er die Menschen so lange, wie es sie gab, und wenn sie Angst hatten, verhielten sie sich immer noch genauso, wie am ersten Tag: dumm und unvernünftig.